Waldheim in Sachsen
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Hermann Reinmuth

Kurt Nowak, Hermann Reinmuth (1902-1942), in: Hummel/Strohm (Hg.), Zeugen einer besseren Welt, Christliche Märtyrer des 20. Jahrhunderts, Evangelische Verlangsanstalt Leipzig, o.D.:

"Reinmuth war von Anbeginn an ein Gegner des Dritten Reiches. Als Christ verabscheute er die Gewissenlosigkeit der neuen Machthaber, als Jurist die Beugung des Rechts, als Demokrat und Sozialist das rassistische Politikprogramm, als Mensch die Grausamkeiten bei der Verfolgung Andersdenkender. So viel Klarsicht war damals selten."

Hermann Reinmuth wurde am 19. Januar 1902 in einem kleinen Ort der sächsischen Lausitz (Reichenbach bei Königsbruck) geboren als ältestes Kind eines evangelischen Geistlichen. Nach der Reifeprüfung im Januar 1920 begann H. Reinmuth sein Jura- und Volkswirtschaftsstudium in Tübingen, wechselte ab Wintersemester 1920/21 zur Universität nach Kiel, schließlich nach Leipzig, und arbeitete während der Semesterferien in den Braunkohlegruben des Leipziger Umlandes zur Finanzierung des Studiums und wurde Mitglied des Sozialistischen Studentenbundes. In Leipzig schloss H. Reinmuth seine Studien ab und promovierte 1926 zum Dr.jur. mit einer Dissertation zum Thema "Betrieb und Unternehmen, besonders im Betriebsrätegesetz und in der Reichsversicherungsordnung". Sein Referendariat absolvierte er in Dresden; es folgten Gerichtsassessorenprüfung und Tätigkeiten am Landgericht Bautzen und bei Kommunalverwaltungen in Oberhausen, Düsseldorf und Königsberg.

Während dieser Zeit seiner wissenschaftlichen Arbeit und der Assessorentätigkeit unternahm er ausgedehnte Forschungsreisen zur Lage der arbeitenden Bevölkerung u.a. nach Großbritannien und in die Niederlande, entwickelte eine Vortragstätigkeit, warb für den Ausbau des Arbeitsrechts, setzte sich ein für betriebliche Mitbestimmung, soziale Chancengleichheit, eine gerechte Eigentumsordnung und wurde Mitglied der SPD. Darüber hinaus war er aber auch caritativ tätig: Er sammelte Spenden und gab auch einen nicht unerheblichen Teil seines Gehalts ab an arbeitslose Familienväter und alleinerziehende arbeitslose Frauen, die überwiegend aus politischen Gründen entlassen und von der Roten Hilfe betreut wurden. Zudem sammelte und überwies er Beträge für das von einer Hungerkatastrophe heimgesuchte China (143 Golddollar in zwei Jahren), strebte eine weltweite Hilfskampagne an, schrieb deshalb Briefe und Appelle u.a. auch an Friedtjof Nansen und Albert Schweitzer.

Die Begegnung mit Maria Grollmuß und die andauernde Freundschaft mit dieser Linkskatholikin führte bei H. Reinmuth zu einer Intensivierung und auch Radikalisierung seines antifaschistischen Standpunktes. Insbesondere ihre gemeinsamen Bildungsreisen zwischen 1924 und 1932 nach Frankreich, in die Tschechoslowakei und in die Schweiz, ihre gemeinsamen Gespräche über Kultur, Politik und Engagement führte beide - wie viele linke Sozialdemokraten seinerzeit - zum Beitritt zur "Sozialistischen Arbeiterpartei" 1931. "Ich bin als Student der Sozialdemokratie beigetreten. Dabei haben mich politisch vor allem deren österreichischen und englischen Parteien, in denen der Gedanke einer auf Toleranz und Humanität beruhenden kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Demokratie stark vertreten wurde, besonders angezogen. In der Folgezeit habe ich mich von der Politik dann mehr zurückgezogen: Meine nie eng gewesenen Beziehungen zur S.P.D. hatten sich, insbesondere auch, weil ich mit ihrer Haltung in vielen Punkten nicht mehr übereinstimmte, schon lange vor meinem offiziellen Austritt gelöst."

1933 wurde H. Reinmuth zur Bezirksregierung nach Lüneburg versetzt und arbeitete fortan als Assessor im Dienstgebäude Am Ochsenmarkt, also im Herzen der Stadt Lüneburg unmittelbar neben dem Rathaus. Eine Wohnung allerdings bezog er außerhalb: Es genügte ihm eine Kammer in der Hütte des Gärtners und Fischers Lawrenz im Düvelsbrook an der Ilmenau im Süden der Stadt, dem späteren Häuschen des Revierförsters.

Bereits zu diesem Zeitpunkt plante H. Reinmuth, den Staatsdienst zu verlassen und eine eigene Anwaltspraxis zu eröffnen. Nach dem Tod des Reichspräsidenten Hindenburg 1934 verschärfte sich für H. Reinmuth das Problem, einem Staat dienen zu müssen, den er ablehnte. Nach der Vereinigung der Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers sollte die gesamte deutsche Beamtenschaft einen erneuten Treueeid ablegen, nunmehr auf die Person Adolf Hitlers. Der Diensteid der öffentlichen Beamten lautete nunmehr: "Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe." Diesen Eid mochte H. Reinmuth nicht leisten. Er schrieb später aus dem Gefängnis heraus rückblickend:" Eine unbedingte politische Gehorsamsverpflichtung ... habe ich abgelehnt. Als mich mein damaliger Vorgesetzter, Regierungsdirektor Freiherr von Heintze auf die Folgen dieses Verhaltens ... hinwies (die Einleitung eines Dienststrafverfahrens, P. A.) und mir dabei riet, die mir vorgelegte Erklärung ebenso wie die übrigen Juristen zu unterschreiben, habe ich erklärt, dass ich zu einer solchen unbedingten Gehorsamsverpflichtung außer Stande sei."

Trotz der Pressionen auf seinem Arbeitsplatz bei der Lüneburger Bezirksregierung intensivierte H. Reinmuth seine Unterstützungsaktivitäten für sozial bedrohte Familien, nunmehr allerdings mit stärker politischer Ausrichtung. Mit dem Instrument der "Sippenhaftung" nämlich entzogen die Nationalsozialisten den Familien ihrer politischen Gegner, die sie inhaftiert hatten, häufig die staatliche Wohlfahrtsunterstützung. In eine soziale Katastrophe gerieten dann diese Ehefrauen, Kinder und Angehörigen, wenn sie von der Erwerbsmöglichkeit ausgeschlossen waren. Diesen Familien finanziell zu helfen und für einen Rechtsbeistand für die Inhaftierten zu sorgen war deshalb H. Reinmuths Anliegen. Er traf sich zur Durchsetzung dieser Hilfsaktionen gemeinsam mit Maria Grollmuß in Lüneburg und zusätzlich in Hamburg mit W. Elsner, einem Sozialdemokraten und ehemaligen Gefängniswärter, den H. Reinmuth bereits in den 20er Jahren kennengelernt hatte. Unterstützung im Hintergrund erhielt er von seiner Mutter, seiner Schwester Clementine und von Dr. Georg Sacke, einem Freund der Familie. Gemeinsam bauten sie von Lüneburg aus Kontakte auf und versuchten auch, Prominente zu Hilfsaktionen zu bewegen. An den Erzbischof von Paderborn, Caspar Klein, sind sie im Juni 1934 herangetreten mit der Bitte, sich für einen zum Tode verurteilten Kommunisten zu verwenden. In Berlin sprachen sie mit dem jüdischen Rechtsanwalt Dr. Fraenckel über Hilfsmaßnahmen für den inhaftierten Sozialdemokraten Hermann Liebmann.

Auch unter konspirativen Bedingungen leistete H. Reinmuth mit seinen beiden Freunden Widerstand gegen das NS-Regimes, indem er Kontakte zur Gruppe der "Revolutionären Sozialisten" nach Prag suchte, die über Maria Grollmuß zu Max Seydewitz hergestellt wurden. H. Reinmuth ging es bei diesen Gesprächen um die Reorganisation der Gewerkschaften, um die Straffung der Opposition und um die Organisation von Sozialhilfe für die Verfolgten. Einer ersten Kontaktreise nach Brodenbach folgten im Mai und September 1934 weitere Reisen, diesmal nach Prag, jedesmal getarnt als Urlaubsreisen. H. Reinmuth schmuggelte dabei illegale Materialien (Titel: "Rote Blätter") von Prag aus nach Lüneburg und W. Elsner sollte sie anschließend in Hamburg vervielfältigen, damit sie einen größeren Interessentenkreis erreichen konnten. Zu einer für das Frühjahr 1935 geplanten weiteren illegalen Begegnung in Prag kam es allerdings nicht: In der Nacht vom 7. auf den 8. November 1934 verhaftete die Gestapo H. Reinmuth in seiner Wohnung in Lüneburg-Bockelsberg und beschlagnahmte dort belastendes Material ("Rote Blätter"); M. Grollmuß wurde in Radibor bei Bautzen und W. Elsner in Hamburg verhaftet.

Etwa ein Jahr später, am 23. November 1935, urteilte der II. Senat des Volksgerichtshofs in Berlin unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Schaad gegen M. Grollmuß und H. Reinmuth wegen "Verbrechen der Vorbereitung zum Hochverrat unter erschwerenden Umständen" zu sechs Jahren Zuchthaus und sechs Jahren Ehrverlust bzw. sieben Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust und für W. Elsner wegen des "Verbrechens gegen das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien" zu ein Jahr und sechs Monaten Zuchthaus und zwei Jahre Ehrverlust. H. Reinmuth musste seine Strafe in dem berüchtigten Zuchthaus in Waldheim verbüßen und durfte dort lediglich viermal im Jahr Besuch von seinen Angehörigen empfangen.

Im Dezember 1940 wurde H. Reinmuth in das Anstaltskrankenhaus eingewiesen. Aus dem kräftigen Mann von zweiunddreißig Jahren war sechs Jahre später ein erschöpfter Mensch geworden.

Mitte Dezember 1941 brachte man ihn in das Polizeigefängnis in Dresden, um seine Entlassung vorzubereiten. Wie allen anderen politischen Gefangenen legte man auch ihm eine Erklärung zur Unterschrift vor, in der er bestätigen sollte, in Zukunft keine Aktivitäten mehr gegen den nationalsozialistischen Staat zu unternehmen. Obwohl ihm klar war, was sein Handeln für Konsequenzen trug: H. Reinmuth unterzeichnete die Erklärung nicht.

Im Februar 1942 verschleppte ihn die Gestapo in das KZ Sachsenhausen; aus dem zu entlassenen Strafgefangenen wurde der Schutzhäftling Nr. 41107 im Block 2.

Am 27. April 1942 erreichte ein Telegramm die Mutter: "Sohn Hermann 16/4/42 an Kreislaufschwäche verstorben. Weitere Nachricht von Stapo Dresden abwarten. Kommandant."

Auf der Suche nach den Spuren des Cousins wandte sich vier Jahre später, 1946, Johannes Reinmuth, ein Sohn von Hermann Reinmuths Schwester Clementine, an den Regierungspräsidenten in Lüneburg mit der Bitte, "mir möglichst nähere Einzelheiten über die dortige Tätigkeit und die tatsächlichen Gründe seiner Verurteilung vertraulich mitzuteilen". Ihm wurde jedoch lediglich mitgeteilt, welche Gerüchte in den Kreisen der Regierungsbeamtenschaft über die Verhaftung H. Reinmuths in Umlauf waren: "Nach einem seiner Zeit in der Stadt Lüneburg verbreiteten Gerücht soll die Verhaftung wegen Verrats militärischer Geheimnisse erfolgt sein, während man dagegen nach einem anderen Gerücht davon wissen wollte, dass Dr. Reinmuth mit verbotenen politischen Parteien in Verbindung gestanden haben soll. Inwieweit diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen, kann ich nicht mehr nachprüfen, da mir amtliche Unterlagen hierüber nicht zur Verfügung stehen." Schon Anfang 1946 legte die Lüneburger Bezirksregierung keinen Wert darauf, die eigene NS-Geschichte aufzuarbeiten oder aber ein besonderes Mit-Leid mit den wenigen Nazi-Gegnern aus den eigenen Reihen zu zeigen. Schließlich handelte es sich um eine NS-Täter-Institution, die an ihre wenigen aufrechten Menschen nicht erinnert werden wollte. Ein Foto oder eine Gedenktafel, die an den mutigen Mitarbeiter Hermann Reinmuth erinnert, wurde auch später nicht installiert - bis zur endgültigen Auflösung dieser Behörde im Jahre 2005.

Quelle: VVN-BdA Lüneburg (Stand 14.04.2011)