Waldheim in Sachsen
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Reich, Carl Gottlob



Direktor der Leipziger Taubstummenanstalt

* 17.10.1782 in Waldheim
† 20.04.1852 in Leipzig

Quelle: Heimatmuseum

Carl Gottlob Reich wurde am 17.10.1782 in Waldheim/Sachsen geboren und war zusammen mit neun Geschwistern aufgewachsen. Aufgrund der finanziellen Situation seiner armen Eltern besuchte er erst ab dem Alter von vierzehn Jahren die Schule. Ab 1807 studierte er Theologie an der Universität Leipzig. 1810 nahm Reich die Stelle als Hilfslehrer im Taubstummeninstitut an und wurde zwei Jahre später erster Lehrer. Dabei lernte er Amalie Regina Heinicke kennen. Die jüngste Tochter vom Ehepaar Heinicke war am 21.5.1783 in Leipzig geboren worden und kannte sich mit den Verhältnissen des Instituts aus. Als der seit 1812 an Gicht leidende Petschke 1815 pensioniert werden mußte, wurde Reich Mitdirektor. Zuvor hatte er die Magisterwürde der Universität in Wittenberg erworben. 1816 heirateten Reich und Amalie R. Heinicke. Für das Institut gab es zunächst ein großes, unerwartetes Geschenk, als eine Frau dem Institut ihr Vermögen von über 40 000 Taler vermachte. Daraufhin wurde das Problem der Wohnsituation gelöst, indem Anna K. Heinicke ein passendes Gebäude kaufte. Es gab keine Abhängigkeiten mehr von den Vermietern. Ein Jahr nach der Eröffnung 1822 befanden sich bereits 38 Schüler im Institut. Es wurde eine vierte Klasse gegründet, nachdem 1816 drei Klassen eingeführt worden waren. Denn das Leipziger Institut hatte den Grundsatz Samuel Heinickes strikt befolgt, nach dem nicht mehr als 10 Schüler von einem Lehrer unterrichtet werden sollten. 1822 wurde erstmals die jährliche Schulprüfung vor Weihnachten durchgeführt und eine Prämie an die besten Schüler ausgegeben. Seitdem gab es auch Gottesdienste an Sonn- und Festtagen für die Schüler der ersten Klasse und die Erwachsenen, die aus dem Institut entlassen waren und in und um Leipzig wohnten. Reich hatte die Gottesdienste eingeführt und hielt sie ab 1826 im Wechsel mit dem 1822 angestellten taubstummen Lehrer Wilhelm Teuscher ab. Vor dem 50jährigen Bestehen des Instituts bat Anna K. Heinicke die Universitätsbehörde um Pensionierung. Bei der Feier am 13.4.1828 bekam sie einen Brillantring vom sächsischen König Anton für ihre 50jährige Tätigkeit. Sie hatte nach Reich „mit anerkannter Treue und wahrhaft mütterlicher Sorgfalt nun 50 Jahre ihrem Berufe gelebt“. Am 1.1.1829 wurde sie nach einem königlichen Erlaß pensioniert, worauf Reich das Amt als alleiniger Direktor übernahm. Aufgrund der zuverlässigen Arbeiten von Anna K. Heinicke konnte sich das Institut, das sie 38 Jahre lang leitete, etablieren und genoß überall so ein hohes Ansehen wie nie zuvor. Darin hatte auch Reich mit seinem pädagogischem Weitblick seinen Anteil gehabt.

Reich beschäftigte sich schon seit längerer Zeit mit den Werken anderer Taubstummenlehrer. Er hatte vor allem Interesse, mehr über Samuel Heinicke zu erfahren und über ihn zu schreiben, denn er wollte die Erinnerung an diesen hochhalten. 1828 veröffentlichte Reich sein erstes Buch. Er benutzte dabei die Bezeichnung 'deutsche Methode', die Neumann ein Jahr vorher für die Methode Samuel Heinickes vorgeschlagen hatte. Er bemerkt, daß „auch der Taubstumme die von ihm hervorgebrachten Laute empfindet, daß diese Empfindungen ihm bei seinem Denken und bei allen sprachlichen Verrichtungen dasselbe sind, was uns die Sprachtöne sind“. Das zweite Buch von 1834 war von größerer Bedeutung, denn es wurde von Taubstummenlehrern und auch von Volksschullehrern gelesen. Im ersten Teil des Buches werden die Ausführungen der Gebärden für über 400 Wörtern - nach Sachgebieten geordnet - beschrieben. Reich begründet die Notwendigkeit der Gebärdenbeschreibungen, die heutzutage mit dem Gebärdenlexikon zu vergleichen sind:

„Um aber den Lehrer mit seiner Aufgabe und zwar zunächst mit der hierzu unentbehrlichen, natürlichen Zeichensprache des Taubstummen vertrauter zu machen und in den Stand zu setzen, sein Lehrgeschäft mit Einsicht und dankbarem Erfolg fortzusetzen, achte ich für nötig, für eine Mehrzahl von Begriffen in Haupt-, Zeit- und Beiwörtern die pantomimischen Bezeichnungen, wie sie der Sache und der Sprachfähigkeit des Schülers am angemessensten erscheinen, anzugeben.“

Somit war Reich in der Gebärdensprache bewandert und konnte anderen Lehrern Anleitungen geben. Er weist auf die existentielle Bedeutung der Gebärdensprache im Unterricht hin, weil sie „am Anfang gleichsam das Fenster [ist, H.V.], durch welches wir in das innere Seelenleben des Taubstummen blicken und erfahren können, ob und welche Vorstellungen er bereits habe“. Im zweiten Teil des Buches beschreibt Reich die Bildung der Wortsprache über Artikulation, Verstandesübungen, Grammatik und Begriffsbildung. Somit mußte die Gebärdensprache „in der weiteren Fortbildung [...] dem unserer geistigeren und reicheren Wortsprache bald weichen“. Beim Anfangsunterricht setzten die Lehrer die Pantomime und die Gebärdensprache ein, damit die Schüler ihre hausgemachten Gebärden verfeinerten und dann untereinander in der konventionellen Gebärdensprache kommunizierten. So wurden auch die Bedürfnisse der Schüler, sich locker mitzuteilen, befriedigt. Nachdem die sichere Kommunikation in der Gebärdensprache zwischen den Unterrichtsbeteiligten gegeben war, konnte die Begriffsentwicklung der Schüler stetig vorangehen. Wenn die Schüler sich in der Wortsprache orientieren konnten, achteten die Lehrer mehr darauf, daß die Schüler sich weniger in der Gebärdensprache und mehr in der Lautsprache ausdrückten. In den höheren Klassen wurden zunehmend grammatikalische Einheiten der Wortsprache besprochen, um „unseren Taubstummen zur Einsicht in den Bau unserer Sprache zu leiten und ihn selbst, zu bauen, allmählich zu befähigen“. Es war ganz neu an der Methode Reichs, daß er einen Lehrgang für den Lautsprachunterricht aufgebaut hatte. So sollten die Schüler aller Klassen zum Sprechen angehalten werden. Dabei bestärkten die Ausführungen Karl Friedrich Beckers (1775-1849) zur Sprachlehre Reich in seinem Vorhaben. Nach Becker war die Sprache „eine bewußte Tätigkeit des Geistes, in der Sprache unterrichten heißt die Sprache verstehen und mit Bewußtsein gebrauchen lehren“. Es ist aus diesem Abschnitt zu erkennen, daß Reich zu den Vertretern der kombinierten Methode gehörte und sich mit dem Verhältnis zwischen Gebärdensprache und Lautsprache auseinandersetzte. Weiterhin konnte Reich aufgrund der Distanz von mehreren Jahrzehnten die Grundsätze Samuel Heinickes erneuern und in besseres Licht stellen, weil er die Konturen der methodischen Arbeit nachgezeichnet hatte. Die Methode Reichs wurde daher mehr besprochen, als es bei Heinicke der Fall war. Aus der Sicht von Kruse macht sich Reich verdient, „die Amman-Heinicke'sche Lehrmethode ins klarste Licht gestellt, und sie von dem Schlack und den Extravaganzen, in welche die ersten Urheber verfallen sind, gereinigt zu haben, wodurch dieselbe mehr als je zugänglich geworden ist“.

Reich war es auch, der erstmals die begabten Taubstummen als Lehrer im Institut arbeiten ließ. Unter Reich wurden die zwei Brüder Teuschers eingesetzt. Reich stand mit vielen auswärtigen Behörden und Taubstummenlehrern in Kontakt und wurde oft um seine Meinung zu bestimmten Sachverhalten gebeten. Er suchte jedoch stets den stillen Erfolg im Taubstummeninstitut. Die meiste Zeit verwendete er für den Unterricht, die Amtshandlungen, die Korrespondenz mit seinen ehemaligen Schülern und den Eltern seiner Schüler. Er folgte nicht dem Ruf nach Berlin, wo er das Taubstummeninstitut leiten sollte, da er sich mit der Wirkungsstätte Samuel Heinickes verbunden fühlte. Vom sächsichen König wurde er 1835 mit dem Zivil-Verdienstorden belohnt. Von 1838 an erhielten die Erwachsenen, die aus der Schule entlassen waren und weiter entfernt von Leipzig wohnten, einen Freifahrtschein von der Eisenbahngesellschaft, um an der Kirchenfeier im Leipziger Institut teilzunehmen. Alljährlich gab es Spenden von Förderern, so daß das Taubstummeninstitut über ein größeres Kapitel verfügte. Mit den Mitteln vom Institut und vom Staat wurde ein geräumigeres Haus in einem besseren Leipziger Stadtteil angekauft. 1840 wurde das neue Institut eröffnet. Die Schülerzahl hatte sich 1835 auf 47 Schüler belaufen, bevor 1849 62 Schüler aufgenommen werden konnten. Reich mußte seit 1840 zunehmend die Trauerarbeit bewältigen. Zuerst starb Anna K. Heinicke am 6.8.1840. Ihre elf Pensionsjahre hatte sie im Institut verbracht. Sie hatte weiterhin ausgeholfen, wenn sie gebraucht wurde. Dann starb seine Frau Regine A. am 11.9.1843. Sie hatte zwei Kinder geboren, einen Sohn und eine Tochter namens Juliane Amalie. Regine A. Reich hatte sich hervorragend um die Erziehung der Schüler gekümmert. Die beiden Frauen hatten die Schülerinnen in die weiblichen Arbeiten eingeführt. Schließlich starb sein Sohn frühzeitig 1847. Als Reich die Behörden um Pensionierung bat, wurde ihm 1850 Gotthelf August Eichler als Mitdirektor zur Seite gestellt. Aufgrund des langjährigen Hustenleidens hatte sich seine Gesundheit so verschlechtert, daß Carl Gottlob Reich am 20.4.1852 für immer die Augen schloß. Beim Nachruf im 'Leipziger Tagblatt' sind die im folgenden zitierten Sätze zu lesen:

„Das Leipziger Institut zeichnete sich unter Reichs Leitung nicht nur dadurch aus, daß die Zöglinge denken, sprechen und das gesprochene vom Mund absehen lernten, sondern es war überhaupt eine Erziehungs-Anstalt für Knaben und Mädchen im vollsten Sinne des Wortes.“

1854 fand die Einweihungsfeier des Denkmals für Reich im Taubstummeninstitut statt. Der hörende Lehrer Häschke und der taubstumme Lehrer Karl Arnold Teuscher hielten dort die Reden. Zum Schluß sprach der taubstumme Lehrer Max Löwe ein Gebet. Die ehemaligen Schüler hatten die Beiträge für das Denkmal gesammelt und auf die Gedenktafel schreiben lassen:

„M.Carl G. Reich [...] war uns - seinen Taubstummen - ein treuer Lehrer und väterlicher Freund.“